Wenn die inneren Anteile Teamsitzung haben
- Andrea Selene Ilk

- 28. Mai
- 3 Min. Lesezeit

Es war Dienstagmorgen, 07:12 Uhr – ein gefährlicher Zeitpunkt im inneren Universum. Denn genau um diese Uhrzeit trafen sich regelmäßig die üblichen Verdächtigen zur Krisensitzung im Kopfkonferenzraum. Alarm Alois war wie immer zuerst da. Mit Warnweste, drei Handys und einer PowerPoint-Präsentation namens „Mögliche Katastrophen bis Mittag“. Nervös lief er vor dem inneren Whiteboard auf und ab und erklärte, dass dringend gehandelt werden müsse. Das Herz habe gestern zweimal komisch geschlagen, jemand habe auf LinkedIn nur ein Herz geschickt und keinen Kommentar geschrieben und überhaupt sei die allgemeine Weltlage höchst verdächtig.
Angst Anne saß bereits mit großen Augen am Tisch und nickte hektisch. Sie hatte vorsichtshalber schon begonnen, sich auf das Schlimmste vorzubereiten. Vielleicht würden jetzt plötzlich alle Menschen erkennen, dass man eigentlich gar nichts könne. Vielleicht müsse man sich künftig irgendwo in eine Hütte zurückziehen und nur noch mit Ziegen sprechen.
Zuwenig Zenzi hatte währenddessen leise begonnen, an sich selbst zu zweifeln. Wie immer eigentlich. Sie war überzeugt, nicht genug zu sein. Nicht erfolgreich genug, nicht ruhig genug, nicht spirituell genug. Wahrscheinlich hätten andere Menschen sogar ordentlich gefaltete Spannbettlaken und perfekt sortierte Gewürzschubladen.
Mitten in diese emotionale Vollversammlung flog plötzlich die Tür auf und Humor Hupsi spazierte herein – mit Sonnenbrille, einem aufblasbaren Flamingo und völlig unangemessener guter Laune. Er blieb kurz stehen, sah in die Runde und fragte trocken, wer heute konkret sterbe oder ob das wieder nur ein emotionales Probetraining sei. Alarm Alois schnappte empört nach Luft. Das sei hochseriös, erklärte er, und er habe bereits sieben Horrorszenarien vorbereitet. Hupsi grinste nur und meinte, früher sei Alois wenigstens noch ambitionierter gewesen.
Während Alois innerlich kurz vor einem Systemabsturz stand, öffnete sich hinten leise die Tür und die Friedliche Frida trat ein. Barfuß, mit einer Tasse Tee in der Hand und dieser irritierenden Ruhe, die aggressive innere Anteile sofort misstrauisch macht. Sie setzte sich langsam hin, sah in die Runde und fragte ganz ruhig, ob es vielleicht sein könne, dass gerade eigentlich gar nichts passiert sei.
Betretenes Schweigen. Alois blätterte nervös in seinen Unterlagen und musste schließlich zugeben, dass objektiv betrachtet tatsächlich aktuell keine akute Katastrophe vorlag. Angst Anne flüsterte sofort, dass aber jederzeit etwas passieren könnte. Frida nickte freundlich und meinte, es könne allerdings auch jederzeit etwas Schönes passieren.
Dieser Satz verwirrte die gesamte Runde kurz so sehr, dass sogar Zuwenig Zenzi für einen Moment aufhörte, sich mit fremden Menschen auf Social Media zu vergleichen.
Und genau in diesem Moment kam Felix Scheißdanix herein. Langsam. Mit Jogginghose, Käsebrot und der Energie eines Menschen, der innerlich beschlossen hat, heute garantiert keine Panik mehr ernst zu nehmen. Er setzte sich wortlos dazu, kaute gemütlich und sah eine Zeit lang einfach nur in die Runde. Dann sagte er ganz ruhig, dass vielleicht heute gar nicht alles gelöst werden müsse. Die Gruppe war irritiert. Angst Anne fragte vorsichtig, wie das gemeint sei. Felix zuckte mit den Schultern und meinte, vielleicht sei das Leben keine Dauerbaustelle. Vielleicht seien all diese Stimmen wichtige Hinweise – aber keine Geschäftsführung.
Humor Hupsi begann begeistert zu klatschen. Die Friedliche Frida lächelte leise vor sich hin. Zuwenig Zenzi atmete zum ersten Mal seit ungefähr 2009 vollständig aus.
Und Alarm Alois setzte sich langsam hin, lockerte seine imaginäre Warnweste und murmelte, dass er vielleicht wirklich einmal Urlaub brauche. „Oder Magnesium“, ergänzte Humor Hupsi trocken.
Und irgendwo tief drinnen entstand plötzlich etwas sehr Ungewohntes. Ruhe. 😄

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