Die Freiheit von Lob und Kritik
- Andrea Selene Ilk

- vor 12 Minuten
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Im Jammer- und Opferring erleben wir Lob und Kritik oft als Gegensätze. Das eine hebt uns kurz nach oben, das andere zieht uns hinunter. Lob bestätigt unser Ego, Kritik bedroht es. Beides löst unmittelbare Reaktionen aus – Freude, Stolz, Verteidigung, Rückzug, Rechtfertigung oder Angriff. Wir bewegen uns im Prinzip von entweder/oder: gut oder schlecht, richtig oder falsch, angenommen oder abgelehnt. Deshalb sind viele Menschen abhängig von Lob und gleichzeitig voller Angst vor Kritik.
Nicht umsonst sagte Epiktet: „Es sind nicht die Dinge selbst, die uns beunruhigen, sondern die Vorstellungen, die wir von ihnen haben.“
Ein Mensch erhält beispielsweise in der Arbeit Lob vom Chef. Im Opferring kann daraus sofort ein innerer Höhenflug entstehen: „Jetzt bin ich endlich gut genug.“ Bleibt das Lob später aus, kippt das Gefühl oft wieder. Genauso bei Kritik: Eine einzige Bemerkung kann reichen, damit sich jemand abgewertet oder angegriffen fühlt. Nicht die Worte allein erzeugen den Schmerz – sondern die Bedeutung, die wir ihnen geben.
Im Denkring beginnt sich der Blick zu verändern. Wir erkennen, dass Lob und Kritik selten neutral sind. Lob entsteht oft aus Bewertung, Erwartung oder Hierarchie – ebenso Kritik. Wir beginnen zu hinterfragen: Ist dieses Lob ehrlich gemeint oder verfolgt es eine Absicht? Entsteht die Kritik aus einem echten Wunsch nach Entwicklung oder aus Frust, Machtbedürfnis oder eigener Verletzung?
Hier beginnen wir auch zu unterscheiden zwischen ernst gemeint und ehrlich gemeint. Denn nicht jedes Lob ist Wertschätzung. Manche Menschen loben, um zu manipulieren, zu beruhigen oder sich Vorteile zu sichern. Andere kritisieren, weil sie selbst unter Druck stehen oder ihre eigenen ungelösten Themen projizieren.
Ein klassisches Beispiel: Eine Führungskraft sagt zu einer Mitarbeiterin: „Das hast du brav gemacht.“
Im Opferring freut sich die Mitarbeiterin vielleicht zunächst über das Lob. Im Denkring beginnt etwas zu irritieren. Warum „brav“? Warum fühlt sich das plötzlich klein an? Weil Sprache Hierarchie transportiert. Weil zwischen echter Anerkennung und subtiler Überordnung ein Unterschied liegt.
Oder ein anderes Beispiel: Jemand sagt nach einem Vortrag: „Das war mutig.“
Im Opferring könnte man sich angegriffen fühlen: „Warum mutig? War ich schlecht?“ Im Denkring beginnt man nachzufragen und erkennt vielleicht: Die Person meinte eigentlich: „Ich bewundere deinen offenen Zugang.“
Der Denkring bringt Differenzierung. Wir lernen, nicht mehr jede Rückmeldung automatisch persönlich zu nehmen, sondern auch die Anteile der sendenden Person mitzudenken. Gleichzeitig erkennen wir unsere eigenen Muster: Warum trifft mich bestimmte Kritik so tief? Warum brauche ich Lob, um mich wertvoll zu fühlen?
Carl Gustav Jung formulierte es so: „Alles, was uns an anderen stört, kann uns helfen, uns selbst besser zu verstehen.“
Im Ring der Liebe verändert sich die Qualität der Begegnung grundlegend. Aus Lob wird Wertschätzung. Wertschätzung erhebt nicht und macht nicht klein. Sie begegnet auf Augenhöhe. Sie sieht den Menschen in seinem Wesen, nicht nur seine Leistung.
Dann klingt Sprache plötzlich anders.Nicht mehr:„Gut gemacht.“Sondern vielleicht:„Danke. Ich habe gespürt, wie viel Herz du hineingegeben hast.“
Oder statt einer verletzenden Kritik:„Du hörst nie zu!“wird daraus:„Ich wünsche mir, dass wir einander bewusster zuhören.“
Aus Kritik wird gemeinsames Lernen. Nicht mehr Angriff gegen Verteidigung, sondern ehrliches Interesse an Entwicklung. Dort muss niemand gewinnen. Niemand muss Recht behalten. Fehler verlieren ihre Bedrohlichkeit und werden Teil eines gemeinsamen Reifungsprozesses.
Ein Paar im Ring der Liebe streitet anders. Nicht:„Du bist immer so egoistisch!“sondern: „Als das passiert ist, habe ich mich allein gefühlt. Können wir gemeinsam hinschauen?“
Das bedeutet nicht, dass alles weichgespült wird. Im Gegenteil. Wahrheit darf ausgesprochen werden – aber ohne den Wunsch, den anderen zu verletzen oder überlegen zu sein.
Marshall Rosenberg, der Begründer der Gewaltfreien Kommunikation, sagte sinngemäß:
"Urteile über andere sind entfremdete Ausdrucksformen unerfüllter Bedürfnisse.“
Im Erkennen schließlich beginnt sich selbst die Unterscheidung zwischen Lob und Kritik aufzulösen. Man versteht, dass jede Begegnung ein Spiegel sein kann. Lob macht nicht größer. Kritik macht nicht kleiner. Beides sind Informationen, die durch Menschen fließen.
Dann entsteht eine innere Freiheit.Man freut sich über Wertschätzung, ohne davon abhängig zu sein.Und man kann Kritik prüfen, ohne daran zu zerbrechen.
Oder wie Eckhart Tolle sagte:„Was dich beleidigt und was dich lobt, stärkt gleichermaßen dein Ego – wenn du unbewusst bist.“
Was bleibt, ist die Frage: Dient es der Wahrheit? Der Entwicklung? Der Liebe?



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